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  • Lukas von Boetticher

Hülsenfrüchte für die Zukunft?

Aktualisiert: 26. Sept. 2023

Es ist offensichtlich, dass der Proteinbedarf der Menschheit längerfristig nicht über die Tierhaltung gedeckt werden kann. Die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten verursacht nicht nur Umweltzerstörung, sondern ist auch einer der Haupttreiber des Klimawandels. Daher sind Pflanzliche Proteinquellen wichtiger denn je – allen voran Hülsenfrüchte wie Soja, Erbsen und Bohnen, die besonders viel Protein enthalten. Allerdings sind sie in der Schweiz nach wie vor untervertreten, sowohl was den Anbau als auch den Konsum angeht.





Hier setzt meine Maturaarbeit an: Als leidenschaftlicher Gärtner mit eigenem Garten war ziemlich schnell klar, dass ich irgendetwas mit Pflanzen machen wollte. Besonders haben mich Mischkulturen[1] fasziniert und wie Pflanzen sich gegenseitig beeinflussen, während sie gleichzeitig von ihrer Umgebung beeinflusst werden. Allerdings habe ich beim Brainstormen gemerkt, dass ich eigentlich auch etwas zur Klimakrise und ihren mannigfaltigen Auswirkungen schreiben wollte – im Idealfall sogar zu einem Lösungsansatz beitragen.


Daher entschied ich mich in meiner Arbeit mit Hülsenfrüchten in Mischkultur untereinander zu experimentieren, da sie wenig Wasser und Fläche pro Gramm Protein benötigen und durch die Symbiose mit Knöllchenbakterien auch keinen Stickstoffdünger benötigen. Dadurch, dass ich nur Hülsenfrüchte kombiniert habe, sind alle getesteten Mischkulturen ausserdem mit der Fruchtfolge[2] kompatibel und können deshalb einfacher angewendet werden. Gleichzeitig wurde mir während der Literaturrecherche bewusst, dass in der Schweiz nur eine Handvoll verschiedener Hülsenfrüchte angebaut wird und viele der tausenden weltweit bedeutenden Hülsenfrüchtearten gar nie unter hiesigen Bedingungen ausgetestet wurden. So entstand der zweite Teil der Arbeit, das Testen möglicher Alternativen zu den in der Schweiz üblichen Hülsenfrüchten.


Und dann ging es los: Ich habe mich entschieden, zehn Mischkulturen mit jeweils einer anderen Kombination aus Puffbohne, Erbse, Stangenbohne, Buschbohne und Feuerbohne anzubauen und vierundzwanzig verschiedene Hülsenfrüchte auszutesten. Vor Beginn des Experiments habe ich dazu zwei Leitfragen und einundzwanzig Hypothesen aufgestellt. Die Pflanzen in den Mischkulturen wuchsen im Freien auf dem Schulareal, die «neuen» Sorten in insgesamt 131 Töpfen auf dem Balkon, alle Pflanzen wurden nach biologisch-dynamischen Richtlinien gepflegt.


Natürlich ging in der Praxis vieles nicht so wie geplant: Bei den Rankgerüsten der Mischkulturen musste ich drei Mal nachbessern und ausbauen, am Schluss sah es von oben aus wie ein riesiges Spinnennetz. Die Puffbohnen erkrankten heftig und hatten fast gar keinen Ertrag. Zu allem Übel erkrankten einige der Testpflanzen an einer nicht eindeutig identifizierbaren Krankheit, wodurch ich sie nicht ins Freiland auspflanzen konnte.



Links: Die Töpfe Ende Mai Rechts: Das «Spinnennetz» vom Rankgerüst von oben.


Dennoch gab es viele verwertbare Ergebnisse (die ertragreichste Mischkultur ist die der Erbse mit der Stangenbohne; die für weitere Tests interessanteste Hülsenfrucht ist die Jackbohne) und einige Überraschungen. Während sich viele Hypothesen bestätigten, wurden auch einige widerlegt und eine der wichtigsten Beobachtungen im gesamten Mischkulturexperiment hatte nichts mit den detaillierten Hypothesen zu tun und wäre zuerst fast nicht aufgefallen: Mischkulturen, bei denen sich die Wachstumsphase der beiden Pflanzenarten wenig überschnitt, waren im Schnitt fast doppelt so ertragreich wie gleichzeitig Angesäte.



Geerntete Bohnen aus dem Experiment



Beim Recherchieren für den theoretischen Überbau Arbeit ist mir immer deutlicher bewusst geworden, wie drastisch sich die Landwirtschaft und unsere Ernährungsweise ändern müsste, um einerseits den Klimawandel nicht mehr zu beschleunigen und andererseits resilienter gegenüber Umweltkatastrophen und Lieferkettenausfällen zu werden.


In der Schweiz sollten dafür Hülsenfrüchte aller Art definitiv mehr angebaut werden und an züchterisch vernachlässigten Arten wie die Lupine wieder stärker geforscht werden. Die Implementierung von Mischkulturen in der Landwirtschaft ergibt aber aufgrund des höheren Zeitaufwandes vor allem im Biolandbau und Hausgärten Sinn. Generell sollte für eine nachhaltigere Landwirtschaft aber auch in der Schweiz der Trend vermehrt in Richtung kleinere Höfe mit mehr Beschäftigten gehen, die sich intensiver um das Kulturland kümmern können und weg von den zwar zeiteffizienten, aber ressourcenintensiven grossen Flächen mit einer Pflanzenart.


Mir persönlich hat sie vor allem aufgezeigt, dass es durchaus möglich ist, etwas zu machen, dass neu ist, das tatsächlich noch nie jemand in dieser Form gemacht hat. Und dass ich trotz meinem Hang zur Prokrastination ein Grossprojekt mit weit mehr als hundert Stunden Aufwand über die Bühne bringen kann.


Ich wünsche viel Spass beim «inegüxle» falls sie euch interessiert (:




[1] Bei einer Mischkultur werden zwei oder mehr Pflanzenarten auf der gleichen Anbaufläche gepflanzt. Mit der Methode soll die Biodiversität und der Ertrag pro Fläche erhöht werden, indem die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Pflanzenarten genutzt werden. [2] Bei der Fruchtfolge wird zwischen verschiedenen Arten aus verschiedenen Pflanzenfamilien mit verschiedenen Bedürfnissen abgewechselt. Damit wird verhindert, dass der Boden einseitig ausgelaugt wird und kulturspezifische Krankheiten und Schädlinge sich zu stark ausbreiten.


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