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  • Palma Joos

Gratwanderung

Nachhaltig in die Zukunft


Vor fünf Jahren fand im Liceo Artistico wie zu Beginn jeden Schuljahres die Begrüssung der ersten Klassen statt. Irgendwo zwischen den fünfzig aufgeregten Teenies hockte ich auf einem Stuhl und betrachtete die mit Engelchen bemalte Decke des Saals. Von der auf Italienisch gehaltenen Rede verstand ich kein Wort. War das Kunstgymnasium mit Italienischimmersion wohl die richtige Wahl gewesen?


Diese Frage stellte ich mir an meinem ersten Schultag zum allerletzten Mal. Während die fünf Jahre wie im Flug vergingen, zweifelte ich keinen weiteren Moment an dieser Entscheidung. Nicht nur den Kunst- und Italienischunterricht, auch Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer besuchte ich gerne, weshalb ich mich in meinem Schulalltag sehr zuhause fühlte.


Mit der Maturarbeit konnten wir zum ersten Mal selbst entscheiden, welchem Thema wir einen grossen Teil unserer Zeit widmen wollten. Um dies herauszufinden sah man sich gezwungen, seine eigenen Werte genauer zu definieren. Man konnte nicht mehr einfach überall dabei sein, sondern musste sich eine Position suchen, für die man im nächsten Jahr stehen konnte.

Von allen heisst es: «Schreibe über etwas, das dir wirklich wichtig ist!» oder: «Was interessiert dich denn wirklich?» – «Tja», denkt man sich dann, «gute Frage!»


Mir war schon länger klar, dass ich ökologische Probleme weder ignorieren kann noch will. Diese Tatsache machte das Thema zu einem unabdingbaren Bestandteil meines Alltags und somit auch meiner Arbeit. Schliesslich stiess ich auf einen Zeitungsartikel über RethinkResource. Das Unternehmen beschäftigt sich mit der Weiterverwertung von industriellen Abfallprodukten, sogenannten Nebenströmen. So soll aus Abfall einen neuen Nutzen gezogen werden. Zentral dafür ist das Konzept der Kreislaufwirtschaft.

Beim Thema Cradle to Cradle, zurück in den Kreislauf, dachte ich an Einweg-Lebensmittelverpackungen aus Plastik von ausserordentlich kurzer Lebensdauer. Die Einbahnstrasse vom fossilen Rohstoff über den Kunststoff bis zur Endstation als CO₂, ist mitverantwortlich für eine Erhöhung der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Das gasförmige Verbrennungsprodukt wird nicht mehr den Weg zurück in seinen ursprünglichen Zustand unter der Erde finden. Könnte man diese Verpackungen irgendwie im Lebenszyklus behalten oder sogar durch Materialien aus Nebenströmen ersetzen? Konkret habe ich mich in meiner Maturarbeit mit der Entwicklung von Bioplastik auf der Basis eines industriellen Abfallproduktes auseinandergesetzt. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft spielte auch hier eine zentrale Rolle. Aus Biomasse sollte ein biologisch abbaubarer Kunststoff entstehen, sodass sich ein Materialkreislauf schliesst. Das Kohlendioxid, welches durch die Rohstoffpflanze der Atmosphäre entzogen wird, wird bei der natürlichen Zersetzung der Verpackung wieder freigesetzt und kehrt somit in seinen ursprünglichen Zustand zurück.





Ein grosser Teil meiner Arbeit ist der praktischen Umsetzung gewidmet. Die chemischen Eigenschaften von ungeniessbaren Nebenströmen waren für die Herstellung einer transparenten, reissfesten und wasserresistenten Folie meist sehr ungeeignet (siehe Bild oben). Ausserdem stand der Anspruch an Stabilität in der Anwendung in direktem Konflikt mit der erwünschten biologischen Abbaubarkeit.


Ein anderer, aber ebenso wesentlicher Aspekt war die Ausarbeitung eines möglichst umweltfreundlichen Konzeptes. Da sich ungeniessbare Biomasse chemisch kaum als Ausgangsmaterial für eine dünne Plastikfolie eignet, sollten auch geniessbare Nebenströme oder sogar Lebensmittel wie Maisstärke in Betracht gezogen werden? Ist es überhaupt richtig, auf Bioplastik zu setzen? Im Gegensatz zu anderen Kreislaufsystemen wie dem Wiederverwenden oder Rezyklieren wird durch die Abbaubarkeit der Verpackung das Wegwerfen und die Neuproduktion nicht umgangen.


So beschäftigte ich mich einerseits mit materialwissenschaftlichen Fragen, die sich meist durch Experimente bestätigen oder widerlegen liessen. Gleichzeitig handelte es sich um ökologische Problemstellungen, welche weit weniger eindeutig zu beantworten waren. So konnte ich mich einerseits in der Welt der Chemie bewegen, wo man sich auf Ja oder Nein beschränken durfte, als auch in einem wirren Netz aus Pro- und Kontraargumenten. Dieses Zusammenspiel von naturwissenschaftlichem und konzeptuellem Rätseln schätzte ich besonders an meinem Thema.




Aus meiner Arbeit über Lebensmittelverpackungen aus Biokunststoff schloss ich, dass Forschungsarbeit in diesem Bereich einen Beitrag leisten kann, sofern das Projekt nicht nur praktisch, sondern auch ökologisch durchdacht ist. Dennoch ist die Entwicklung neuer Materialien allein keinen Ersatz für den Effort jedes einzelnen Individuums in der Gesellschaft. Im Laufe der Arbeit fand ich immer mehr Gefallen daran, nicht nur meine Bioplastik-Konzepte, sondern auch meinen eigenen Alltag so ökologisch wie möglich zu gestalten. Einen nachhaltigeren Lebensstil zu entwickeln zeigte sich als spannende Challenge, welche auch einem selbst einen Mehrwert bringt. So können eine nachhaltigere Alternative oder ein Verzicht zum Beispiel mehr Zeitraum schaffen, gesünder sein oder auch einfach glücklich machen, weil es sich richtig anfühlt.


Diesen Sommer sassen meine Klasse und ich wieder im selben Saal versammelt, dessen Decke noch von eben jenen Engelchen geziert wurde. Fünf Jahre später schien es mir schon eine Spur weniger unbegreiflich, wie jemand diese Lebendigkeit auf den kühlen Putz pinseln konnte. Dieses Mal folgte ich jedem Satz der Maturrede unserer Schulleitung, obwohl sie in derselben Sprache gehalten war wie damals, am ersten Schultag. Vieles war gleich, und doch so anders. Viel hatten wir inzwischen unter diesen Engelchen erlebt. Langweilige, lustige, angespannte und schöne Momente wurden gemeinsam überstanden. Man war sich lange nicht immer einig gewesen in der Klasse. Und doch war man oft auf einander angewiesen. Wir mussten lernen und lernen noch heute, für das einzustehen, was uns wichtig ist. Doch genauso mussten wir lernen, einander zuzuhören und einen Konsens zu finden. Es gibt Probleme, die man alleine nicht lösen kann, die man gemeinsam anpacken muss.

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