Von der Maturaarbeit zur Masterarbeit: Meine Reise durch Suffizienz, Psychologie und Nachhaltigkeit
- Linda Mathyer
- vor 3 Tagen
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Als ich 2020 vor der Wahl meines Maturaarbeitsthemas stand, war für mich klar: Es sollte etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben – und zwar nicht nur theoretisch. Ich wollte ein Thema, das mein eigenes Handeln verändert. Mein Betreuer brachte mich schliesslich auf die Idee der Suffizienz – also die Frage, wie wir mit weniger zufrieden sein und erfüllter leben können.
Abbildung 1: Maturarbeit (eigenes Bild)
Neugierig startete ich ein Experiment in meinem Umfeld: Ich sensibilisierte Familie, Freund:innen und Bekannte für suffizientes Verhalten und motivierte sie, persönliche Nachhaltigkeitsziele zu verfolgen. In Interviews sprachen wir später darüber, wo es hakte und was gut funktionierte. Auch ich setzte mir eigene Ziele und reflektierte mein Handeln intensiv. Dieser erste Schritt in Richtung Genügsamkeit hat mich bis heute geprägt – im Alltag, in meinem Nebenfach Nachhaltige Entwicklung und sogar in meinem Hauptfach Psychologie, wie sich später in meiner Bachelorarbeit zeigte.
Abbildung 2: Hilfestellung im Alltag (eigenes Bild)
Die Lücke zwischen Einstellung und Verhalten
Schon in meiner Maturaarbeit wurde deutlich: Viele von uns haben ein starkes Umweltbewusstsein, doch den Schritt zur konsequent nachhaltigen Handlung schaffen wir oft nicht. In der Forschung nennt man das die Einstellungs-Verhaltens-Lücke (engl. attitude-behavior gap). Dieser Widerspruch liess mich nicht mehr los – und wurde schliesslich der Ausgangspunkt meiner Bachelorarbeit mit dem Titel „Mut, die Lücke zu schliessen.“
Darin habe ich mich mit Faktoren befasst, die erklären wollen, warum es uns so schwerfällt, nach unseren Überzeugungen zu handeln. Ich ordnete mögliche Ursachen auf vier Ebenen ein: kognitiv, emotional, sozial und strukturell. Dabei zeigte sich: In unserer Gesellschaft dominieren häufig kurzfristige, selbstzentrierte, sprich egoistische Motive, die selten mit nachhaltigem Verhalten vereinbar sind. Zudem fehlt uns oft die kognitive Kontrolle, uns bewusst für die langfristig bessere – sprich nachhaltigere – Option zu entscheiden. Kognitive Kontrolle widerspiegelt im Alltagverständnis am ehesten die Selbstdisziplin. Es geht darum, dass wir unser Denken und unsere Aufmerksamkeit bewusst steuern und uns nicht von Ablenkung, Gewohnheiten oder spontanen Impulsen leiten lassen.
Abbildung 3: Die vier Ebenen unseres Handelns (eigene Darstellung)
Die Rolle der Emotionen
Besonders spannend fand ich den Einfluss von Emotionen. Sie können uns motivieren – oder lähmen. Nachrichten über die Klimakrise wecken oft negative Gefühle wie Angst. Ein gewisses Mass daran ist wichtig, um ins Handeln zu kommen. Zu viel Angst jedoch führt leicht zu Hilflosigkeit und Resignation. Auf der anderen Seite können positive Emotionen wie Hoffnung einen antreiben – solange sie nicht in Sorglosigkeit kippen.
Auch der sogenannte Warm-Glow-Effekt spielt eine Rolle: Wenn wir uns prosozial verhalten, etwa nachhaltig konsumieren, fühlen wir uns danach oft stolz oder zufrieden. Diese positiven Gefühle erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Verhalten wiederholen. Kurz: Emotionen sind ein entscheidender Schlüssel, um die Lücke zwischen Überzeugungen und Handeln zu verstehen – und zu verkleinern. Es braucht jedoch noch weitere Forschung, um den Einfluss der Emotionen besser zu verstehen und in der Praxis zu nutzen.
Was ich daraus mitgenommen habe
Während meiner Arbeit wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, die eigenen Motive, Bedürfnisse und Emotionen zu reflektieren. Wenn mir die weniger nachhaltige Variante verlockender erscheint, frage ich mich: Warum eigentlich? Dieses Innehalten hilft mir, bewusstere Entscheidungen zu treffen. Reflektion der eigenen Werte begleitet mich also seit meiner Maturaarbeit ständig im Alltag.
Für mich bedeutet Suffizienz heute, die kleinen Dinge des Lebens wertzuschätzen. Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen: Niemand von uns trägt die ganze Verantwortung für globale Nachhaltigkeitsprobleme allein. Strukturelle Veränderungen sind unverzichtbar. Mein Motto lautet daher: Lieber viele Menschen, die etwas unperfekt tun, als wenige perfekte!
Das Gefühl von Selbstwirksamkeit ist dabei zentral: Statt in Ohnmacht vor den grossen Herausforderungen zu erstarren, versuche ich, in meinem Handlungsspielraum aktiv zu werden – auch wenn es kleine Schritte sind.
Auch jetzt im Psychologie-Masterstudium lässt mich das Thema nicht los. Ich tauche immer tiefer in die Umweltpsychologie ein und besuche zusätzlich Nachhaltige Entwicklung als extracurricularen Minor. Die Masterarbeit rückt näher – und sehr wahrscheinlich wird auch sie sich wieder mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen.









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